// DC Open 2018 | Upcoming exhibition: Raphaël Denis | Versuche aus der Literatur und Moral

 – posted: Aug 1, 2018 in exhibitions

Fahrenheit: Sauver, Maintenir, Soutenir

Die Ausstellung Versuche aus der Literatur und Moral stellt zwei erstmalig präsentierte Arbeiten des französischen Künstlers Raphaël Denis einander gegenüber.
Räumlich einnehmender ist Fahrenheit : Sauver, Maintenir, Soutenir („Fahrenheit : Retten, Erhalten, Unterstützen“), eine Installation aus Metallregalen, auf denen schwarze Objekte nebeneinander stehen, die Bücher in ihrer gewohnten, zum Nachschlagen einladenden Aufbewahrung suggerieren. Tatsächlich kann jedoch keine einzige Seite aufgeschlagen werden, stattdessen reihen sich meterweise Platzhalter, die für verkohlte Bücher stehen.
Die Installation bietet in ihrer Reihung unzugänglicher Bücher eine visuelle Übersetzung des Verlusts an Wissen, der aus – vorsätzlichen wie zufälligen – brandbedingten Zerstörungen resultiert. Evoziert werden die verschiedensten Amputationen der Menschheitsgeschichte: vom Brand der Großen Bibliothek von Alexandria bis zu dem der Anna Amalia Bibliothek in Weimar, von den Verwüstungen von Schlösser- und Klosterbibliotheken während der Französischen Revolution zu der Brandschatzung der Universitätsbibliothek 1914 im belgischen Löwen durch die deutsche Armee, von den Scheiterhaufen an konfuzianischen, arabischen oder Maya-Texten, welche zusammengetragen wurden durch respektive den ersten Kaiser der Qin-Dynastie Qin Shi Hua, Kardinal Cisneros nach der Eroberung von Granada oder Diego de Landa, bis zu den jüngsten Verwüstungen in Timbuktu, Tripolis oder Mossul.
Die Installation geht aber über eine Dokumentation der Zerstörung hinaus und versteht sich als Hommage an die komplizierte Arbeit der Restauratoren und anderer Akteure des Kulturerbeschutzes, die sich der Schadensbegrenzung und -behebung widmen, sobald die Flammen erloschen sind. Diese Hommage würdigt auch all jene Gelehrte, die wie Abdel Kader Haïdara in Konfliktsituationen die Rettung von etwa 350000 Manuskripten aus 45 verschiedenen Bibliotheken im Mali vor den Djihadisten des maghrebinischen Al Quaida Ablegers erreichten. Ähnlich Alfred Kantorowicz, der am ersten Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennung in Paris eine Freiheitsbibliothek mit Exemplaren der in Deutschland „den Flammen übergebenen“ Bücher durch eine Festrede von Heinrich Mann einweihte. Diese letzte Referenz verweist auf eine thematisch und visuell ähnliche Arbeit von Raphaël Denis, La Loi Normale des Erreurs : Vernichtet (2015, „Normalverteilung der Fehler : Vernichtet“). Hier präsentierte Denis schwarze Bilder und ihre Rahmen, die Brandspuren aufweisen, und erinnert an die Verbrennung von gut 500 geraubten Kunstwerken im Pariser Jardins des Tuilleries durch die Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg. Wie schon jene schwarzen Bilder keine wirklichen Kunstwerke waren sind auch die Bücher aus Fahrenheit : Sauver, Maintenir, Soutenir keine wirklich verbrannten Bände, sondern Holzblöcke: nach einer aufwändigen Präparierung werden sie den Flammen ausgesetzt. Der Prozess ist dem der historischen Vorläufer identisch, nur mit umgekehrten Ausgang, da das Feuer bei Denis ein natürliches Element zur Kunst und somit zum Kulturgut erhebt, während es bei wirklichen Bücherbränden Kulturgut in seinen Elementstatus zurückversetzt.
Durch diesen Prozess fungiert die Installation auch als Mahnmal und plädiert für Wachsamkeit vor neuen und Erinnerung an bereits vollzogene Bücherverbrennungen, ähnlich wie Micha Ullmanns ortspezifisches Werk mit den leeren Regalen unterhalb des Bebelplatzes in Berlin, auf dem am 10. Mai 1933 die Bücherverbrennungen stattfanden. Der Titel erinnert auch an den dystopischen Roman von Ray Bradbury und seine Verfilmung durch François Truffaut, Fahrenheit 451 (der Temperatur, bei der Papier sich entzündet), in welcher Bücher durch eine „Feuerwehr“ vernichtet werden und nur eine kleine Gruppe Menschen in der Wildnis als Träger des Wissens übrig bleibt: jeder hat ein Buch komplett auswendig gelernt und ist somit zur körperlichen Inkarnation des sonst verlorenen Werkes geworden. Die Besonderheit bei Raphaël Denis ist jedoch, dass die Opfer der Zerstörung, die Bücher, wie in der vorherigen Arbeit die Kunstwerke, materiell präsent sind, klar erkennbar und trotzdem verfremdet, und somit der abstrakten Zerstörung eine beeindruckende und bedrückende physische Dimension verleihen.

Gegenüber Fahrenheit : Sauver, Maintenir, Soutenir befindet sich Corps 1 : Index librorum prohibitorum („Körper 1: Verzeichnis der verbotenen Bücher“). Dieses in zwölffacher Ausführung gefertigte Multiple basiert auf einer typographischen Reduktion mit dem Ziel, ein gesamtes literarisches Werk auf eine einzige, räumlich beschränkte Oberfläche zu verteilen. Ähnliche Arbeiten haben bereits Meisterwerke der französischen Literatur, Corps 1 : La Princesse de Clèves (2009) und Corps 1 : La Recherche (2011), auf eine einzige Seite und bis zur äußersten Grenze der Lesbarkeit komprimiert. Anders als bei den Werken von Madame de La Fayette oder Marcel Proust finden sich in Corps 1 : Index librorum prohibitorum keine Sätze, sondern eine Reihe von Büchertiteln. Es handelt sich um die letzte Version jener Liste, mit welcher die römisch-katholische Kirche seit ihrer Einführung 1559 bis zur letzten Aktualisierung 1948 und ihrer definitiven Abschaffung 1966 ihre Anhänger vor moralisch verwerflichen Schriften warnte. Zu den indizierten Büchern zählten neben den Werken bedeutender Wissenschaftler, Philosophen und Schriftsteller von Galileo Galilei über Immanuel Kant bis Charles Baudelaire, welche aus Sicht der Kirche verwerfliche Werte und Ideen vermittelte, auch eine Vielzahl an Varianten, Übersetzungen oder Kommentaren der Bibel, welche die Frommen vor fehlgeleiteten Auslegungen und Abweichungen vom rechten Glauben schützen sollte.
Die Ausstellung Versuche aus der Literatur und Moral thematisiert mit den materiellen wie mit den reglementarischen Angriffen zwei verschiedene Formen der Feindseligkeit gegenüber dem Text und somit der Aufbewahrung und Verbreitung von Wissen. Der Akzent liegt hier auf der Gefährdung des Fortbestandes der Tradierung und der im Laufe der Zeit zunehmenden Wahrscheinlichkeit der Katastrophe, der Zerstörung und des Vergessens. Mit ihren zwei Werken unterstreicht die Ausstellung vor allem die Wichtigkeit der Wiederherstellung und die Pflege des kulturellen Gedächtnisses, allen voran den Erhalt der Erinnerungen an jegliche Art von Verlusten, ganz gleich ob sie die Konsequenz von zufälligen Feuer oder lang geschürtem Eifer sind. Der Dialog dieser beiden Arbeiten ist die Fortsetzung der Beschäftigung von Raphaël Denis mit dem Verhältnis der Gesellschaften zu ihren Dogmen, zu ihren Kriegen und ihren kulturellen Vermächtnissen.

Raphaël Denis und Gabriel Montua