// IT'S ALL RIGHT

/ Niels Sievers /

 – Mar 22 – May 17
 – vernissage: Mar 21, 7:00 pm

- English version below -


Es ist ein Flüstern in der Nacht,
es hat mich ganz um den Schlaf gebracht;
Ich fühl’s es will sich was verkünden
Und kann den Weg nicht zu mir finden.
Theodor Storm

Nicht nur der Dichter Theodor Storm widmet sich den besonderen Eigenschaften der Nacht. Insbesondere die Romantiker in ihrem utopischen Denkansatz frönen der Nacht, so zum Beispiel Novalis in seinen „Hymnen an die Nacht“ von 1799/1800. Seine sechs Hymnen beschreiben zunächst das irdische Leben, schildern dann eine Art Entfremdungszustand des Menschen, von dem er nur in der ewigen Nacht befreit werden kann. Sie bietet in der Konsequenz ein großes schöpferisches Potenzial. Entgegen den gängigen Vorstellungen des Christentums, dass das Licht die Erlösung ist, fällt diese Rolle bei Novalis der dunklen Tageszeit zu.

Aber was hat dies mit der Malerei von Niels Sievers zu tun? Sein Hauptthema ist die Landschaft, wobei gerade in den aktuellen Arbeiten zunehmend Straßenverläufe, Häuserfluchten und verlassene Busstationen hinzukommen. Das Augenmerk des Künstlers liegt dabei auf Nachtaufnahmen und Dämmerungszuständen, wobei in einigen der neuen Bilder, die ab dem 21. März in der Ausstellung „IT’S ALL RIGHT“ in der Galerie Martin Kudlek, Köln zu sehen sein werden, die nächtliche Stimmung durch intensiv strahlendes Laternenlicht gebrochen wird. Alle Bilder vermitteln eine Stimmung der Stille und Einsamkeit, die immer die Spannung hält zwischen Unbestimmtheit und Klarheit, zwischen Unheimlichem und Wohltuend-Vertrautem.

Ist Niels Sievers deshalb ein rückwärtsgewandter Romantiker, ein Novalis der Ölfarbe? Nein, da würde man ihm Unrecht tun, sein Pinsel ist auch der eines Zeitgenossen, ihm geht es nicht um den Appell an saumselige Gefühle. Allein in den von ihm gebrauchten Materialien erkennt man einen Balanceakt, vielleicht den Versuch, Tradition und Moderne zu verbinden. Mit der Verwendung von Ölfarben und Eitempera in einem akribischen Pinselduktus versucht er den alten Meistern auf der Spur zu bleiben, ihre Geheimnisse ernst zu nehmen. Als zeitgenössischer Maler experimentiert er mit Spray und versucht, die beiden unterschiedlichen Techniken in einer eigenwilligen Handschrift zusammen zu führen. Auch die Pinselführung ist spannungsreich, mal begegnen wir minutiösen, fast point-illistisch gemalten Blattwerken, mal grobem Graffiti oder sogar klaren geometrischen Formen wie in der Arbeit „bus-stop“.

Besonders in der jüngsten Reihe von Bildern wird deutlich, dass er kein verklärender Landschaftsmaler ist, der die Idylle verherrlichen will. Im Bild „It‘s All Right“ begegnen wir einem kargen Feld mit ein paar blattlosen Bäumen und Sträuchern, einer zeitlosen Land-schaftsansicht, in deren nächtlichem Himmel jedoch in Großbuchstaben wie auf einem Plakat der gleichnamige Liedtitel der Popgruppe The Tremeloes prangt. Wären wir als Betrachter versucht, uns in eine melancholische Stimmung fallen zu lassen und darin zu verharren, würden wir spätestens jetzt wach gerüttelt und herausgefordert, darüber hinauszugehen. Das Schriftelement katapultiert uns in unsere unmittelbare Gegenwart.

Dem Maler steht der Sinn nach Tiefgründigerem, und da ist dann doch wieder ein wenig Novalis: Seine Malerei soll uns eine Weite und einen Ort eröffnen, an dem wir uns mit uns selbst beschäftigen können. So erscheint die Nacht bzw. die Dämmerung als mögliches Angebot, vorübergehend einen Raum für mögliche Selbsterkenntnis zu betreten.

Christiane Bühling

(Auszug aus „Silence is Golden“, in: Katalog zur Ausstellung „IT’S ALL RIGHT“, Galerie Martin Kudlek, Köln)


There is a whispering in the night
that robbed me of a sleep so slight;
I sense it has something to foretell,
Yet fails to find a place to dwell.
Theodor Storm

It is not only the poet Theodor Storm who devotes himself to the specific qualities of the night. Especially true for the Romanticists whose utopian mentality revels in the night, such as Novalis in his “Hymnen an die Nacht” from 1799/1800. His six hymns to the night first describe earthly life, then depict something like the disaffection of man whose only chance of breaking free is in an eternal night with its offer of great creative potential. Contrary to the conventional idea of Christianity that light is salvation, Novalis assigns this role to the dark time of day.

But what has this all to do with paintings by Niels Sievers? His main subject is the landscape whereby, in the current works in question, there is an additional motif of street passages, rows of houses and deserted bus stops. The artist’s focus is on sightings taken at nightfall or in almost complete obscurity, whereby in several of the new paintings, the nightly mood is broken by bright lantern shine. All the paintings convey a mood of the hushed and the solitary, holding the balance between indeterminacy and clarity, between the uncanny and the agreeably familiar.

Is Niel Sievers therefore a retrogressive Romantic, a Novalis in oil paint? Not really, that would be doing him an injustice. His paintbrush is also that of a contemporary; his is an appeal to dallying emotions. Solely from the materials he uses we can recognize a balancing act, perhaps the attempt to link tradition and modernism. With his meticulous style of brushwork in applying oils and egg tempera, he tries to follow in the footsteps of the old masters and takes their secrets seriously. While as a contemporary artist, he experiments with spray paint and wants to bring together the two disparate techniques in an unusual style of his own. The brushwork is also contrastive, at times we see minute, almost pointillist-painted foliage, at times rough graffiti or even blatantly geometric forms, e.g., in the work “Bus Stop”.

Above all in the most recent series it becomes clear that he is not a reverential painter of landscapes who wants to glorify the idyllic. In the painting “It’s All Right”, we come across a barren field with a pair of leafless trees and bushes, a timeless view of a landscape in whose nightly sky, however, the artwork title and the song title by the pop group “The Tremeloes” is flaunted, poster-like, in large letters. If we as viewers had been tempted to fall into and remain in a melancholy mood, we would no later than now be shaken awake and challenged to get up and gaze. The script element catapults us into our immediate present.

The painter is out for something deeper, and that is again a bit like Novalis. His painting is meant to open an expanse and a place where we can engage with ourselves. Thus the night or the twilight appears as a possible proposal to step temporarily into a room of potential self-knowledge.

Christiane Bühling

(Abstract of „Silence is Golden“, in: Exhibition catalogue „IT’S ALL RIGHT“, Galerie Martin Kudlek, Cologne, Translation: Jeanne Haunschild)